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02. 10. 2009 Behinderung als Abschreckung

Es scheint, als ob mit der Angst vor drohender Behinderung mehr Geschäft zu machen ist als mit den Behinderten selbst. Wie die im Frühjahr 1981 bundesweit durchgeführte “Zeckenschutz-Impfaktion 81″ gezeigt hat, ist für Ärzte, Apotheker und die Pharma-Industrie auch bei impfmüden und inzwischen sparsamer gewordenen Österreichern noch einiges Geld zu holen.


Der werblich perfekt vorbereiteten “größten Informationsaktion, die die Österreichische Apothekerkammer je durchgeführt hat” konnte sich kaum jemand entziehen. 1.300 Großplakate und eine “massive Hörfunkkampagne” haben die Bevölkerung auf die Aktion aufmerksam gemacht und an die Notwendigkeit der vorbeugenden Impfung erinnert. Das ganze Spektakel stand unter dem furchteinflößenden Motto “Lieber zeckengeimpft als gehirngeschädigt” und hat einmal mehr gezeigt, was privatwirtschaftliches Interesse auf die Beine zu stellen imstande ist. Die Aktion hatte einen, mit früheren Impf-Aufrufen wie zum Beispiel für die Polio-Schluckimpfung nicht vergleichbaren durchschlagenden Erfolg zu verzeichnen: 1,2 Millionen Österreicher sind bereits “zeckengeimpft”, dank der “entsprechend hochdramatischen Gestaltung und einem überaus starken Aufforderungseffekt” der Plakatmotive und Texte, die sogar mit einem “Werbeoscar” ausgezeichnet wurden (vgl. Abb.2)





Abschreckender kann Behinderung, furchtbarer können Distanz und Vorurteile gegenüber behinderten Menschen kaum mehr visualisiert werden, als mit dieser, vom Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz mitfinanzierten Öffentlichkeitsarbeit. Abstoßende Bilder und aufrüttelnde Texte prägen sich eben viel stärker ins Gedächtnis ein als lange Erklärungen, das hat man schon vor vierzig Jahren gewußt!


Mit dieser kostspieligen Kampagne wurde mit großer Wahrscheinlichkeit eine viel größere Breitenwirkung zum Thema Behinderung erzielt als mit der Plakataktion des Bundesministeriums für soziale Verwaltung anläßlich des “Behindertenjahres”, mit dem mißverständlichen Text “Behindert. Ein Mensch zweiter Klasse? Ein Vorurteil!”, das “das ganze Jahr über als Gratis-Lückenfüller” affichiert wurde und “das die Menschen, um die es geht, nicht woll(t)en”.


Immerhin ist der darin verpackte Ruf nach mehr Menschlichkeit bis zur Österreichischen Ärzteschaft durchgedrungen, die sich bereit erklärt hat, die Zeckenschutzimpfung in einem befristeten Zeitraum zu einem herabgesetzten Honorar durchzuführen, wobei klugerweise verschwiegen wird, daß die genauso wirksame Impfung innerhalb von 48 Stunden nach dem Zeckenbefall im Gegensatz zur vorbeugenden Impfung von der Krankenkasse bezahlt wird. Der riesige Werbeaufwand für die Impf-Kampagne, der freundlicherweise auch von der Herstellerfirma des Impfstoffes mit einem “namhaften Betrag” unterstützt worden sein soll, steht zwar in keiner Relation zur Wahrscheinlichkeit einer Infektion durch einen Zeckenbiß, sehr wohl aber zum dabei auf Kosten verängstigter Bürger gemachten Gewinn der Pharma-Industrie und der Ärzteschaft.


In Bereichen, wo weitaus häufiger Behinderungen “produziert” werden, in der Arbeitswelt, engagieren sich diese Herrschaften hingegen kaum. Kein Wunder, gegen Arbeitsunfälle und Frühinvalidität kann man ja schließlich nicht vorbeugend impfen und dabei noch ein Geschäft machen.


Quelle: http://bidok.uibk.ac.at/